Archiv für Juni 2009

Das war der Palast

Donnerstag, 04. Juni 2009

Als der Palast der Republik abgerissen wurde…Täglich fällt der Palast ein Stück weiter, ganz sorgsam – selektiver Rückbau – Stück für Stück, wie der Aufbau, nur rückwärts. Neulich besuchte ich die neue rote Infobox auf dem Platz, mehr eine Plattform, ich war auf einem meiner üblichen Sonntagssparziergänge…..Von Mitte aus, meine kleine Kiezwohnung verlassend, die man dort nicht mehr erwartet. Hinaus in DAS Touristengebiet Berlins schlechthin, englisch die offizielle Straßensprache, mit Schuhgeschäften und Brillenflowers, nein Danceflowers und Brillenetuis, egal, man kann nicht mehr herausfinden, was hier was ist, ich sage nur Hugo Boss!

Vor kurzem las ich im Begleitheft zu einer internationalen Kunstmeile um die Ecke, dass Herr P. , der das Kiezleben und die Geschichte des Viertels hier so schätze, dass er das Haus in seiner Straße Nr. 6 besonders liebe, weil es nicht aussieht, wie ein Neubau. Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass mir das auch nicht aufgefallen war und das stürzte mich in eine kleine Krise. Mein Kiez, indem ich schon lebte, als es hier noch vor der Mauer war – für den Osten – für die anderen war es DA DRÜBEN, also ich wechselte von einem Zustand in den Anderen von „damals war gestern” in „heute ist nichts mehr so wie es scheint”. Es wunderte mich übrigens nicht, dass Herr P. das sagte, ganz sicher hat er zu dem Begriff Geschichte eine völlig andere Haltung als ich, denn mit keinem Wort erwähnte er die Tatsache, dass er die ehemalige Musikschule gekauft hatte, die dann sofort umziehen, zunächst einmal aber einfach ausziehen musste, d.h. er hat sie schlicht rausgeschmissen. Also das war dieses Haus, in dem immer die kleinen Mädchen Ballet tanzten, so dass man es von der Straße aus hören konnte… und aus den Fenstern purzelten die Töne, ungeübt und naiv.

Ja, Herr P. schätzt die Bauweise von Herrn K., weil sie nicht als modern erkennbar ist und das wundert mich nun auch, denn Herr K konnte mir neulich nicht erklären, worin die Genialität seines städtebaulichen Entwurfes besteht, die es rechtfertigt den Alexanderplatz so abzuschließen von der Spandauer Vorstadt und dem zweiten Bauabschnitt der Stalinallee…. Vielleicht hat sich Herr K die Frage zu Herzen genommen und baut jetzt historisierend? Also ich wechselte gerade von meiner Vergangenheit in diesen zeitlosen Zustand, in dem man nicht weiß, woran man sich orientieren soll, was noch wahr ist und authentisch, also in einen  David Lynch Film.

Und machte eben einer meiner typischen Sonntagssparziergänge durch die Welten dieser Stadt, raus aus der Spandauer Vorstadt, über die Brücke, vorbei an dem Berliner Dom, woanders wäre er schön, hier ist er monumental und….

Da stand er, das Gerüst, der gefledderte Neubau, der geschundene Palast. Dass einem ein Gebäude über Ereignisse der besonderen Art so an das Herz wachsen kann. Das man fast glaubt, mit ihm mitzufühlen. Das man scheinbar Anteil nimmt an seinem Schicksal.

ABER ES IST DOCH NUR EIN GEBÄUDE

Aber er wird mir fehlen, ohne dass er wirklich etwas dafür kann. Er ist eine städtebauliche Metapher, ein Gebäude der Moderne. Vielleicht das Symbol, dessen Abriss das Ende des kalten Krieges anzeigt. Kalter Krieg, heute Unterrichtsstoff…also dieser Ort, er wird mir fehlen.

Das glaube ich nicht, er verschwindet, dann kommt was anderes.

Also gehe ich weiter, vis à vis vom Außenministerium, die Jungfernbrücke grüßend, über den Spittelmarkt, links einen Blick werfend auf den Ort des ehemaligen Ahornblattes. Mit einer gewissen Genugtuung, das Ahornblatt, dieses „identitätsstiftende Gebäude für die Fischerinsel”, es fehlt wirklich. Was kann denn einem Gebäude besseres passieren, als das es durch sein Fehlen zu einer Legende wird.

Also über den Spittelmarkt und dann einfädelnd in diese städtebauliche Wüste, in der man keine Raumkanten mehr kennt, rechts die Bundesdruckerei, links Stadtrandbrache, wenn man einem Menschen begegnet, ist man erschrocken…. und weiter den Eingang suchend, hinter diesem Sozialbaugebilde aus den 70er oder 80er Jahren, schon nahtlos Westberlin betretend, auf dieses Feld, den Mauerstreifen…auf dem die Abwesenheit der Grenzsoldaten Erstaunen bei mir auslöst…. Hier also durchschreite ich die ganze deutsche Geschichte, die getrennt wurde und wieder zusammengefügt und die sich so schwer tut, beide Seiten als Seiten einer Medaille zu sehen.

Nun also gehe ich hinüber in die wirkliche Geschichte der Berliner Mitte, die noch heute zu spüren ist: Kreuzberg, vor 16 Jahren eine aufregende, verrückte, respektlose und so ganz andere Welt. Heute vertraut und wohltuend und so anheimelnd wie es normalerweise der Begriff Heimat verdient. Aber der ist ja in Zeiten von Metropolen auch zu überdenken. Hier in Kreuzberg, angekommen in einer Sonntagswahlheimat vermisse ich meine Mütze, weil es doch noch so kalt ist, an diesem Apriltag vor Ostern und so kehre ich bei Kuchenkaiser ein….

In aller letzter Minute, an einem 22. Oktober fanden sich ca. 50 Leute in der Palastlounge zusammen, um den Abriss zu verhindern. Was so beeindruckend damals war, diese Ernsthaftigkeit von David gegen Goliath, wenn man zur Überzeugung kommt, das darf nicht passieren, das ist doch Wahnsinn.. Und dann diese bunte Mischung, von Respektlosigkeit und Kompetenz, von Frische und Ernsthaftigkeit. Alles hier riss mich in einen Strudel, den ich einzig und allein dem Palast zu verdanken hatte, dem Palast, weil er als Symbol für meine zufällige Geburt in den Osten hinein steht, der Palast, der für den Wunsch der Väter, hier dem Volk den Wohlstand des Bürgertums zu schenken, steht und der dann dafür stand, sich die Chance zu nehmen, darüber neu zu diskutieren und Aktionen zu planen, ganz in der Art Kreuzberger Geschichte; und damit gemeinsam für die ganze Wahrheit einzustehen: einer für alle, alle für einen!

Also aus dieser Stimmung heraus entwickelte sich eine ganze Welle des Protestes, der den Abriss aufhalten wollte und diese Zeit brauchte natürlich eine eigene Performance, also trug man eine  Mütze, grün, mit der Aufschrift STOP DEM ABRISS.

Sie fehlt mir jetzt.  Würde ich diese Mütze noch tragen, hier in Kreuzberg, würde man natürlich nicht verwundert sein, weil jede Performance hier uniform erscheint, bei Neugier allerdings würde man fragen: welcher Palast?

Und das ist es, was so traurig macht, eine Geschichte wird geschliffen, noch bevor sie richtig begriffen wurde. Und so schlendere ich zurück, einen anderen Weg wählend, über den Luisenstädtischen Kanal, einen Zwischenstopp auf der Plattform vor dem Palast nehmend sehe den vorsichtigen Rückbauarbeiten zu und muss auf einmal laut schreien: AUFHÖREN!

Erlebt von der Osthexe

Die Altstadt Berlins

Donnerstag, 04. Juni 2009