Die Altstadt Berlins

Die Spandauer Vorstadt, ein Labor für nachhaltige Stadtentwicklung

Das Quartier zwischen Alexanderplatz und Friedrichstraße zählt zu den am besten erhaltenen Altstadtvierteln Berlins – von vielen wird es heute als die eigentliche Altstadt betrachtet. Längst gehören Hackescher Markt, Scheunenviertel, Tacheles und die Große Synagoge in der Oranienburger Straße zum Pflichtprogramm für die Besucher der Stadt. Wenn es so etwas wie die sprichwörtliche „Berliner Mischung” gibt, dann hier. Das Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten, aber auch die Toleranz und Lebendigkeit von unterschiedlichen sozialen Gruppen und Milieus waren von jeher ein Merkmal dieser Gegend.

Topografisch gesehen lag die Spandauer Vorstadt vor der Stadtmauer des östlich angrenzenden, historischen Berlin und entwickelte sich entlang wichtiger Wegeverbindungen zu benachbarten Ortschaften und Siedlungen. Viele Straßennamen und Ortsbezeichnungen erinnern noch heute daran. Und nach wie vor gelten die Oranienburger Straße, die Rosenthaler Straße sowie die Alte und Neue Schönhauser Straße als Hauptschlagadern des Quartiers. Stadtgeschichtlich geht die Entwicklung der Spandauer Vorstadt zum Teil auch auf die ausgelagerten Funktionen Berlins zurück. Am besten illustriert vielleicht das alte Scheunenviertel diese Tradition. Weil die Berliner Feuerschutzverordnung den Bau von Scheunen innerhalb der Stadtmauer verbat, wurden diese direkt davor errichtet – auf dem Gebiet der östlichen Spandauer Vorstadt. Gleiches gilt auch für den Armenfriedhof (am heutigen Koppenplatz), den Galgen (das noch lange unbebaute Grundstück Krausnick- / Ecke Oranienburger Straße) und die Garnison. Diese Orte wurden im Laufe der Jahrhunderte überformt und sind nicht mehr sichtbar. Allein der heute existierende Garnisonfriedhof erzählt noch davon.

Das rasante Wachstum Berlins sprengte bald die vormodernen Grenzen und verschlang auch die Spandauer Vorstadt. Davon zeugt nicht zuletzt die Linienstraße, deren schnurgerader Verlauf die Stadtmauer nachzeichnet, die hier einst stand. Die Spandauer Vorstadt war ein eher ärmliches Viertel mit einem hohen Anteil jüdischer Bevölkerung, die meisten von ihnen aus Osteuropa. Dass sie hier siedelten, hatte einen einfachen Grund. Denn als die Einwanderung noch an den Toren der Stadt kontrolliert wurde, war es osteuropäischen Juden nur gestattet, über das Rosenthaler Tor einzuwandern, was dazu führte, dass sich vor allem die Ärmeren von ihnen gleich in der östlichen Spandauer Vorstadt ansiedelten. Das sicher glanzvollste Zeugnis der jüdischen Geschichte im Herzen Berlins ist die Große Synagoge in der Oranienburger Straße. Sie verkörpert das Selbstbewusstsein, aber auch die Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens, das damals in einer weltoffenen, städtischen Umgebung gedeihen konnte. Noch heute lässt sich in der Spandauer Vorstadt das friedliche Miteinander der unterschiedlichen Religionen nachvollziehen: In unmittelbarer Nachbarschaft bilden das katholische St.Hedwigs-Krankenhaus, die von Moses Mendelssohn gegründete Jüdische Schule und die evangelische Sophienkirche ein bau- und sozialhistorisch einmaliges Ensemble, das sein herausragendes Charakteristikum seinerzeit schon in der Adresse führte. Es liegt in der Großen Hamburger Straße, die früher Toleranzstraße hieß. Und auch die Geschichte des  20. Jahrhunderts ist hier auf kleinstem Raum nachzuerzählen: Wie es war, als Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in den heutigen Sophiensälen sprachen; als aus Nachbarn „Juden” wurden; als ein Reviervorsteher vielen jüdischen Nachbarn das Leben rettete, weil seine Kinder deren Kindern über die bevorstehende Deportation unterrichteten; als die Bäckerin, die noch heute die Bäckerei in der Sophienstraße betreibt, immer Weißbrot vorrätig hatte, weil darin die Pässe für die jüdischen Arbeiter der Blindenwerkstatt geschmuggelt wurden.

Die Nachkriegsgeschichte des Quartiers lässt sich als langer Dornröschenschlaf beschreiben. Gelegen im Zentrum Ostberlins, mithin Hauptstadt der 1949 gegründeten DDR, dämmerte die Spandauer Vorstadt vergessen im Schatten der ehrgeizigen Bauvorhaben rund um den Alexanderplatz. Die im Krieg nur mäßig zerstörten Altbauten wurden, wenn überhaupt, notdürftig repariert und verfielen langsam. Der eklatante Leerstand in den ruinösen Wohnhäusern und Gewerbeimmobilien zog jedoch auch jene DDR-Bürger an, die sich entweder nicht für die Plattenbauwohnung in den Trabantensiedlungen am östlichen Stadtrand qualifizierten oder vielmehr gar kein Interesse an der staatlich reglementierten Wohnungsversorgung hatten. Vor allem Intellektuelle, Studenten und einfache Leute nutzten den preiswerten Wohnraum in der Spandauer Vorstadt und wendeten sich gegen den geplanten Abriss, der auch hier in Teilen begonnen hatte – so dass heute an einigen Stellen die ostdeutsche „Platte” zu entdecken ist. Zusammen mit den Alteingesessenen, fast immer älteren Menschen, gründeten sie gleich nach dem Mauerfall 1989 eine Bürgerinitiative, die die Sicherung des Gebiets als Flächendenkmal erreichte.

Der Mauerfall und die deutsche Vereinigung im Jahr darauf veränderten die Situation in der Spandauer Vorstadt grundlegend. Der Einigungsvertrag legte das Prinzip „Restitution vor Entschädigung” fest, also die Rückgabe der Immobilien an die durch Teilung und DDR-Regierung enteigneten früheren Besitzer. Aufgrund besonderer Steuervergünstigungen für die Sanierung und Modernisierung der maroden Substanz interessierten sich vor allem Immobilienfonds für die Grundstücke. Doch nicht nur der Hauptstadtbeschluss des Parlaments ließ den Verwertungsdruck, der auf diesem Viertel lastete, in ungeahnte Höhen schießen. Hintergrund war die große Anzahl von Restitutionsanträgen, die von Immobilienfonds zum Teil in großem Stil und mit hohen Renditeerwartungen aufgekauft wurden. Die alten, kaputten Wohnhäuser verwandeln sich binnen kurzer Zeit in begehrte Anlage- und Spekulationsobjekte. Der drohenden Aufwertung, die fast immer mit der Vertreibung der angestammten Bevölkerung einhergeht, widersetzen sich zahlreiche Bürgerinitiativen, die auch dazu beitragen, dass die gesamte Spandauer Vorstadt zum Sanierungsgebiet erklärt wird. So kann gesichert werden, dass der Schutz von Mietern und gewachsenen baulichen Strukturen Vorrang vor Kapitalinteressen genießt. Die noch heute existierende Kiezzeitung „Scheinschlag” gründet sich, die ersten unkommerziellen Ausstellungen finden in leerstehenden Ladenlokalen auf der Auguststraße statt, westberliner Sanierungsträger tun sich mit ostberliner Studenten, Besetzern und Kreativen zusammen. Als berühmtestes Zeugnis aus diesen Jahren gilt das „Tacheles”: die alte, verrußte Kaufhausruine, die nach der Wende von Künstlern besetzt wurde und mittlerweile eine feste Adresse des Berliner Lebens ist. An ihren Abriss denkt niemand mehr; und aus den wilden Besetzern, die sich mit ignoranten Westzuzüglern konfrontiert sahen, wurden Gewerbetreibende, die erfolgreich Kunstwerke verkaufen und in den gesicherten Mauern ein Kino, ein Café sowie Veranstaltungsräume bewirtschaften.

Die Anwendung des westdeutschen Sanierungsrechts – das durch die Bürgerbewegung der 70er Jahre selbst neben städtebaulichen auch soziale Ziele enthielt – auf ostdeutsche Verhältnisse und die Moderation von unzähligen, mitunter langwierigen Nutzungskonflikten trugen dazu bei, dass der Ort als einmaliger Lebensraum für eine sehr gemischte Bewohnerstruktur erhalten werden konnte. Wo Investoren den zum Teil hohen Regelbedarf als Investitionshemmnis empfanden, lobten andere den Schutz der angestammten Mieterschaft. Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer schrieb das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel”: „Wenn irgendwo die Wiedervereinigung stattgefunden hat, dann in den Hackeschen Höfen.” Dieser Ort steht modellhaft für die erfolgreiche Rettung und Sanierung wertvoller historischer Bausubstanz. Was dort entstand und heute als Urbanität schlechthin gefeiert wird, ist das Ergebnis eines langjährigen Prozesses der Moderation und Abstimmung unterschiedlichster Interessen.

Die Spandauer Vorstadt wurde zum Durchlauferhitzer der Berliner Republik. Die anarchischen Galerien, Kneipen und Cafés in besetzten Häusern verwandelten sich im Laufe der Jahre zu distinguierten Ausflugszielen kunstsinniger, arrivierter Kosmopoliten, denen es oft so gut gefiel, dass sie gleich hierher zogen. Die Sanierung der Wohnungen fand in einem beispiellosen Aushandlungsprozess statt, bei dem die Interessen der oft weniger begüterten Mieter mit den Profiterwartungen der Investoren und Eigentümer in Einklang gebracht wurden. Konflikte und Auseinandersetzungen wurden ausgetragen und es gelang nicht immer, Aufwertungsprozesse sowie die damit einhergehende Vertreibung von angestammten Bewohnern zu verhindern. Doch das große Ziel, die Spandauer Vorstadt als attraktiven, innerstädtischen Lebens- und Aktionsraum für verschiedene soziale Gruppen zu erhalten, wurde erreicht. Daneben mussten auch in Fragen des Denkmalschutzes die teilweise gegensätzlichen Interessen abgewogen werden. Die mancherorts avisierte zeitgemäße Nutzung kollidierte oft mit konservatorischen Auflagen. Ein Beispiel dafür ist der Sportplatz an der Auguststraße. Eigentlich sah die Denkmalpflege die Wiederherstellung des alten Straßenrasters vor, darunter auch die Wiedererrichtung der historischen Verbindung zwischen Torstraße und Kleiner Hamburger Straße, die durch einen zu DDR-Zeiten errichteten Sportplatz unterbrochen war. Darüber waren sich die Behörden mit den Grundstückseigentümern und den Investoren einig. Allerdings war der Sportplatz der einzige Ort weit und breit, der für die Schulen und Vereine in der dicht besiedelten Gegend zur Verfügung stand. Und deshalb konnte sich der Bezirk über ein Verhandlungsverfahren schließlich durchsetzen und den Sportplatz erhalten.

Am Beispiel der Spandauer Vorstadt zeigt sich, dass die Nutzung und Verwertung von Immobilien unter marktwirtschaftlichen Bedingungen nicht im Widerspruch zu den Interessen und Bedürfnissen ihrer angestammten Nutzer und Bewohner stehen muss. Ein starker kommunalpolitischer Akteur sowie aktive, informierte Bürger – Investoren wie auch Bewohner – haben einen Diskurs über die Zukunft eines Metropolenquartiers angestoßen, dessen bis jetzt vorliegende Ergebnisse für alle Beteiligten einen Gewinn darstellen.  Es bleibt die Frage „Wem gehört die Stadt?”. Mit dem Auslaufen des Sanierungsrechtes und den schon wartenden internationalen Immobilienfonds, die den Berliner Markt generell als „unterbewertet” einschätzen, wird diese Frage neu verhandelt werden müssen. Die Spandauer Vorstadt kann dafür ein Labor sein, um die Kraft der Partizipation und die Form des Dialogs als nachhaltigen Stadtentwicklungsprozess fortzuführen.

Karin Baumert

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